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Thomas Tunsch: Museum x.0: Digitale Zukunft oder Brennholzverleih? / Museum x.0: Digital Future or Firewood Rental?

EVA Berlin 2018

Konferenzschwerpunkt: Digitaler Zwilling. Visualisierung, Simulation und hybride Technologien in Museen, Bibliotheken und Archiven

Archive und Bibliotheken gibt es seit Tausenden von Jahren, Museen sind dagegen eine relativ junge historische Erscheinung. Während selbstverständlich vom „digitalen Archiv“ und der „digitalen Bibliothek“ die Rede ist, klingt ein „digitales Museum“ fremdartig. Kann der eineiige digitale Zwilling eines Museumsobjekts so gut wie ununterscheidbar von seinem analogen Zwilling sein?

Mit fotografischen Abbildungen von Museumsobjekten begann eine Entwicklung, die mit ihren Fragestellungen zum Verhältnis zwischen Original und Abbild bis heute nicht abgeschlossen ist. Digitale Kopien sind – im Gegensatz zu ihren analogen Vorfahren – potentiell unbegrenzt herstellbar und können voneinander nicht unterschieden werden. Die Vermittlung von Wissen über das Original kann von den digitalen Zwillingen in zunehmendem Maße übernommen werden, was im Kontext des kulturellen Erbes Zweifel über die höhere Wertschätzung des Originals aufkommen läßt. Auch die Verfügungs- und Deutungshoheit sind mit dem kopierbaren digitalen Zwilling entscheidenden Veränderungen ausgesetzt.

Informationen über Museumsobjekte beruhen auf Daten, die durch die Erforschung der Originale gewonnen werden. Doch nur für die intrinsischen Daten, die direkt am Original gewonnen werden, ist dieses unverzichtbar. In der Archäologie werden keramische Objekte aussortiert, von denen keine neuen Erkenntnisse mehr erwartet werden. Ist dies auch für Museumsobjekte vorstellbar, bei denen der digitale Zwilling alle gewinnbaren Informationen umfaßt? Sind digitale Eingeborene denkbar, die keine „Aura des Originals“ mehr wahrnehmen, sondern eher das Vervielfältigungs- und Modellierungspotential der digitalen Kopie wertschätzen? Das immaterielle Kulturerbe wird bereits auf diese Weise bewahrt, denn beispielsweise das Erleben einer Beethoven-Sinfonie ist weitgehend unabhängig von der Existenz eines originalen Autographs.

Der Stand der Kulturgutdigitalisierung in Deutschland ist jüngst kritisch eingeschätzt worden. Daraus ergeben sich Fragen nach der Strategie und dem Fortgang der Digitalisierung, ob sie zu einem „Museum neuen Typs“ führen kann und welche Rolle dabei die digitalen Zwillinge spielen.